Frühe Pioniere im Raabtal - Gedenktafel beim Alten Presshaus

Dass dieser Gedenkstein aus dem Jahr 1830 zu Ehren Pfarrer Pierwipfls heute an dieser Stelle beim „Alten Presshaus“ 1), einem Denkmal bäuerlicher Kultur steht, ist mehreren glücklichen Zufällen geschuldet. 

Der Fehringer Seelsorger Michael Pierwipfl (gest.1831), der im Auftrag Erzherzog Johanns, Pionierarbeit für den steirischen Obstbau geleistet hat, verdankt es wiederum einer Fehringer Obstbäuerin und einem Nachfahren von Erzherzog Johann, dass die Erinnerungen an den frühen Obstbau-Pionier, zwischen Apfelbäumen und Weinreben, in ein neues Licht gerückt werden. 

Als Seelsorger und Vorsteher der Filiale Fehring der von Erzherzog Johann gegründeten Landwirtschaftsgesellschaft setzte sich Pfarrer Michael Pierwipfl für den Anbau von Äpfeln, Kartoffeln und Raps ein und förderte die nachhaltige Nutzung der fruchtbaren Böden. Neben seinem Wirken als Pionier in der Obstbaumzucht im Raabtal setzte er auch Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Bauern, deren Wirken seither maßgeblich das Landschaftsbild der Region prägt. Pierwipfl unterstützte viele Neuerungen – wie die 1828 von Erzherzog Johann gegründete „Wechselseitige Brandschadenversicherung“. In den damals oft nur mit Stroh gedeckten Häusern samt offenen Feuerstellen wurden so manche vor dem Ruin bewahrt. 

Von Pfarrer Pierwipfls Einsatz zum Wohle der bäuerlichen Bevölkerung zeugt heute die ihm gewidmete Ehrentafel (ren. 2020) beim Alten Presshaus in Fehring.

Die Gräfin von Purgstall (gest. 1835), damalige „Inhaberin von Fehring“, ehrte das Andenken des verdienstvollen Priesters dadurch, dass sie ihm in der Pfarrkirche zu Fehring ein schönes Denkmal setzen ließ. Dieses wurde jedoch 2002 wegen der neuen Kreuzwegbilder entfernt. Nun befindet sich der renovierte Gedenkstein zusammen mit einer Informationstafel, die über das Wirken Pierwipfls zu Erzherzog Johanns Zeiten berichtet, beim Alten Presshaus in Fehring.

Wie es dazu kam, dass ein alter Gedenkstein Erinnerungen an eine verdiente Persönlichkeit neu belebt?
Graf Spiegelfeld 2), der die Tradition unterschiedlicher Obstkulturen in Schenna in Südtirol aufrecht hält, war in Weinberg an der Raab zu Besuch, um sich bei Familie Martina und Johann Techt über die Kultivierung und Pflege von Holunder zu informieren. Anlässlich des 150-jährigen Bestehens des Mausoleums von Erzherzog Johann in Schenna veröffentlichte Spiegelfeld 2019 ein Buch, bei dessen Recherchen er auf Pfarrer Pierwipfl aus Fehring stieß – und damit den Anstoß gab ... Martina Techt begab sich auf die Suche nach Pierwipfls Grabstelle auf den Fehringer Friedhof. Als Glücksfall erwies sich dann ein Gespräch mit der Schwester von Franz Braunstein. Denn der (laut Eigendefinition) historisch interessierte „Sammler“ hatte bereits vor einigen Jahren, ebenfalls durch einen glücklichen Zufall, den achtlos abgelegten Gedenkstein vor der Entsorgung gerettet und am Dachboden des Fehringer Bauhofes deponieren lassen.
Im Zuge der Recherchearbeit zu Pierwipfl ist man dann auf beachtenswerte historische Informationen gestoßen, denen man nun an diesem stimmigen Ort, auf Initiative von Künstler Franz Cserni mit Unterstützung des Tourismusverbandes Fehring, ein kleines, aber feines Denkmal setzt (ein Infofolder zum Wirken Pierwipfls, der in Folge im Presshaus aufliegen wird, ist in Ausarbeitung).

Wer war Michael Pierwipfl?
Seelsorger und Pomologe 3) (geb. 12. Feb. 1755, Graz, gest. 17. Juli 1831, Fehring)
Neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit über 44 Jahre als Pfarrer in Fehring war er auch Vorsteher in der Filiale Fehring der k. k. Landwirtschaftsgesellschaft. Ihm wird der Verdienst, den Obstbau in der Oststeiermark entscheidend gefördert zu haben, zugeschrieben. Er gab sein Wissen um den Obst- und Feldbau u.a. auch als korrespondierendes Mitglied der Altenburgischen pomologischen Gesellschaft und in Form eines Buches 4) weiter. Zudem setzte er sich für Baumschulen ein und trug zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Bauern bei.

Erzherzog Johann – Weichenstellung für eine fortschrittliche Landwirtschaft 
Unter dem Vorsitz von Erzherzog Johann (geb. 20. Januar 1782, Florenz/Italien, gest. 11. Mai 1859, Graz) wurde die neue k. k. Landwirtschaftsgesellschaft, deren Vorsteher in der Filiale Fehring (Feldbach) Pfarrer Pierwipfl war, gegründet. Diese stellte schon im 19. Jahrhundert die Weichen für eine fortschrittliche und zukunftsorientierte Landwirtschaft. Aus dieser Initiative ging nicht nur die Landwirtschaftsschule Grottenhof bei Graz, sondern auch die Landeskammer für Land- und Forstwirtschaft als Standesvertretung hervor.
Der „steirische Prinz“ gründete unzählige Institutionen wie auch Arbeiterkammer, Handelskammer, Sparkasse, Wechselseitige u.a. 

Ein dankbarer Blick zurück – und nach vorn
Pierwipfl war Pionier in der Obstbaumzucht im Raabtal und setzte auch Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeit- und Lebensbedingungen der Bauern – das soll wertgeschätzt werden und heute an dieser Stelle – direkt am Panorama-Wanderweg „Genusstour“, nahe dem romantischen Kellergassl beim Kuruzzenkogel – einladen, innezuhalten und diesem frühen Wirken landwirtschaftlicher Pioniere nachzuspüren.
Denn damals wie auch heute, sind es der Bauer und die Bäuerin, die mit Verantwortung zur Erhaltung unseres Bodens und Lebensraumes beitragen.

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Auszüge aus historischen Texten über Michael Pierwipfl:
... Das Verdienst, den Obstbau in der Oststeiermark entscheidend gefördert zu haben, kommt unzweifelhaft dem Pfarrer von Fehring Michel Pierwipfl zu. Als Vorsteher der Filiale Feldbach der k.k. Landwirtschaftsgesellschaft für Steiermark hatte er Gelegenheit, die Vorschläge zur Verbesserung des Obstbaues, wie sie in den ökonomischen Zeitschriften zu finden waren, einem größeren Kreis bekanntzumachen (…) Auch durch ein Büchlein mit dem langen Titel „Versuch eines Leitfadens für Landleute, wie sie auf die wohlfeilste und leichteste Art in kurzer Zeit viele Obstbäume pflanzen, veredeln, und ihre Früchte benützen können“ 4) propagierte er den Obstbau.
Auszug aus Campus f. Nr. 61, März 2003, Der Feldseher, Teil 5, Dr. Hiti

… Bei seiner eifrigen Tätigkeit für die Landwirtschaftsgesellschaft bevorzugte der den Obstbau, wie er auch korrespondierendes Mitglied eines Thüringer Fachvereins, der Altenburgischen pomologischen Gesellschaft, wurde. Durch Veredelung mit ausländischen Obstsorten, Unterricht und Stiftung von Baumschulen für alle Gemeindeschulen seines Pfarrsprengels wie auch durch Veröffentlichungen sorgte er für die Verbesserung und Verbreitung der Obstkultur. Er setzte sich aber auch für den Ackerbau ein, besonders für die Anwendung von Maschinen und die Einführung der Kartoffeln. Die Triebkraft seines Lebens war sichtlich vom Josefinismus herkommende Menschenfreundschaft. Das zeigt auch seine nicht nach dem Schema-Entwurf gearbeitete, überhaupt sehr eigenwillige Filialbeschreibung von 1825. (Das Steiermärkische Landesarchiv verwahrt als Handschrift aus dem Jahr 1825 eine Beschreibung der Landwirtschaftsgesellschaftsfiliale Feldbach von Michael Pierwipfl, in der er sich neben Ausführungen zu Fauna und Flora, Art und Weise des Ackerbaus u.a. auch mit der Lebensweise der Bevölkerung beschäftigt und in der er auch die Schaffung von landwirtschaftlichen Schulen vorschlägt).
Auszug aus „Der Steirische Bauer“ zur Landesausstellung 1966 zu Micheal Pierwipfl

… seit Gründung der Steiermärkischen Landwirthschaftsgesellschaft entfaltete er als Filial- Vorsteher eine einflußreiche Tätigkeit, beförderte die Einführung des Erdäpfel- und Rübsbaues, der Dreschmaschinen und anderer, die Arbeitet erleichternder und fördernder Ackerbaugeräthe. Der Aufschwung der Obstzucht im Raabthale der Steiermark ist hauptsächlich sein Werk. Eine große Anzahl von durch die feinsten ausländischen Obstsorten veredelten Bäumen wurde aus seinen Baumschulen unentgeltlich unter das Landvolk verteilt, die Schuljugend von ihm selbst und einem von ihm eigens dazu bestellten Lehrer in der Obstbaumzucht theorethisch und praktisch unterrichtet und durch Schulprüfungs-Prämien angeeifert. 
Aus dem BLKÖ (Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich), Wikidata– 5 – 

... Sohn eines Schneidermeisters, studierte in Graz katholische Theologie (1778 Priesterweihe) und war dann in der Seelsorge tätig, 1789-1831 als Pfarrer in Fehring. Pierwipfl entfaltete eine vielseitige und umfangreiche Tätigkeit zur Förderung der Landwirtschaft. Er war ein Pionier der Obstbaum¬zucht im Raabtal, setzte sich für den Anbau von Kartoffeln und Raps ein und bemühte sich, die Bauern zur Anschaffung von landwirtschaftlichen Geräte zu bewegen.
(aus dem ÖBL – https://biographien.ac.at)

... Eben in diesem Jahr 1790 wird in Fehring Pfarrer. Michael Pierwipfl im ersten Jahr als Pfarrvikar genannt, jener Pfarrer, der sich durch seine intensive Beschäftigung mit der Landwirtschaft im Rahmen der von Erzherzog Johann gegründeten Landwirtschaftsgesellschaft einen Namen und bedeutende Verdienste erworben hat, wie noch an anderer Stelle auszuführen sein wird.
Aus der Chronik Fehring

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1) Das „Alte Presshaus“ (erbaut um 1800, renoviert 2003/04) wurde mit dem Material der umliegenden Steinbrüche erbaut und beherbergt eine Baumpresse, eine alte Steinmühle und einen Getreidekasten. Es befindet sich seit seiner Erbauung im Besitz der Familie Rosenberger. Johann Rosenberger betrieb hier von 1920 bis 1930 einen Most- und Weinhandel. Als 1945 umliegend sehr vieles zerstört wurde, überstand dieses Denkmal bäuerlicher Arbeit die Kriegswirren beinahe unbeschadet und zeigt seit der Renovierung Gerätschaften der bäuerlichen Arbeit.
2) Johanna Gräfin von Meran Spiegelfeld (Urururenkelin von Erzherzog Johann) und Franz Graf von Spiegelfeld verwalten das familieneigene Schloss Schenna in Südtirol, wo sich auch die letzte Ruhestätte von Erzherzog Johann und seiner Familie befindet.
3) Pomologie oder Obstbaukunde ist die Lehre der Arten und Sorten von Obst sowie deren Bestimmung und systematischer Einteilung.
4) „Versuch eines Leitfadens für Landleute, wie sie auf die wohlfeilste und leichteste Art in kurzer Zeit viele Obstbäume pflanzen, veredeln, und ihre Früchte benützen können“ 
mit fünf Steindrucktafeln – gedruckt und verlegt von Johann Andreas Kienreich, Grätz, 1822
(aus der Regionalgeschichtlichen Sammlung Dr. Stefan Naas Kronberg, https://hessen.museum-digital.de)